Bauchschmerzen

Eines der häufigsten Krankheitsbilder in der kinderärztlichen Praxis ist der chronische Bauchschmerz. Man rechnet damit, dass ca. zwei Drittel aller Bauchschmerzen im Kindesalter keine organischen Ursachen zugrunde liegen. Also, alles psycho oder was? Nein! Nur weil den wiederkehrenden Bauchschmerzen häufig keine pathoorganische Genese im Bauchraum zuzuordnen ist, heißt das noch lange nicht, dass der Bauchschmerz nicht da ist, also das Kind nur „Theater“ vorspielt. Der Bauchschmerz ist häufig tatsächlich da, nur der Auslöser dafür liegt halt nicht im Bauch sondern in mannigfaltigen anderen Möglichkeiten (Entwicklung, Wachstum und/oder tatsächlich psychosomatischen Gründen).

Bauchschmerzen start
Chronische Bauchschmerzen sind häufig!

Wann sind Bauchschmerzen gefährlich?

Für uns Kinderärzte gibt es „red flags“, die Hinweise für eine ernstere organische Genese der Beschwerden beim Kind nahelegen. Dazu gehören:

  • Stuhlunregelmäßigkeiten (Chronische Verstopfung oder (blutige) Durchfälle)
  • „immer nach dem Essen“
  • Lokalisation fern vom Bauchnabel (Oberbauch, rechter/linker Unterbauch). Periumbilikale (also um den Nabel gelegene) oder „den ganzen Bauch“ betreffende Bauchschmerzen sind eher gutartig
  • Nachts von den Bauchschmerzen wach werdend (nachts ist der Darm häufig aktiver als über den Tag)
  • Praller, stark aufgeblähter, brettharter Bauch
  • Rezidivierendes Erbrechen
  • Gedeihstörung / Mangelnde Gewichtszunahme
Diagnostik bei Bauchschmerzen
Diagnostik bei Bauchschmerzen?

Sinnvolle Diagnostik bei Bauchschmerzen?

Wenn Bauchschmerzen länger als sechs Wochen rezidivierend bestehen und zumindest einige der „red flags“ erfüllt sind, kann eine Diagnostik beim Kinderarzt durchaus sinnvoll sein.

Als wichtigster Teil, um die Beschwerden besser eingrenzen zu können, spielt ein Bauchschmerzprotokoll über einen Zeitraum von vier Wochen eine zentrale Rolle. Dieses beinhaltet in der Regel die Möglichkeit, die Bauchschmerzen und etwaige Begleitsymptomatik wie Erbrechen, Durchfälle o.ä. zu notieren, sowie den Konsum von Milchprodukten, Obst und anderen Nahrungsmitteln den Beschwerden zuzuordnen. Ebenso, was dem Kind Linderung gebracht hat (Schmerzmittel, Körnerkissen). Aus den Ergebnissen lassen sich ggf. weiterführende Tests ableiten.

  • Stuhlproben (aus meiner Sicht selten sinnvoll, wird in der Praxis jedoch häufig gemacht): Zumindest mal ein Calprotektin (ein Entzündungswert im Stuhl um akute oder chronisch entzündliche Prozesse im Darm auszuschließen) oder auch mal auf pathogene Viren und Bakterien (insbesondere bei chronischen Durchfällen z.B. nach Auslandsaufenthalten oder längeren Antibiotikatherapien), gelegentlich auch mal bei Verdacht auf bestimmte Parasiten wie Lamblien. Helicobacternachweise im Stuhl sind super unzuverlässig. Die Stuhlprobe bringt ohne bereits klinisch konkreter Verdachtsdiagnose selten pathologische Befunde.
  • Blutentnahme (tatsächlich bei chronischem Bauchschmerz mal sinnvoll, aber eigentlich nur für eine konkrete Fragestellung: Zöliakie = Glutenunverträglichkeit. In der Regel prüft man, wenn man eh schon piekst, auch einmal Blutbild, Ferritin z.A. eines Eisenmangels und Schilddrüsenhormone mit.
  • Ultraschall des Bauchraums: Tut nicht weh, niederschwellig und verhältnismäßig schnell gemacht. Zeigt am häufigsten pathologische Befunde in Form einer chronischen Verstopfung mit erweitertem Dickdarm und Kotstau als organische Ursache kindlicher Bauchschmerzen. Die Oberbauchorgane Leber, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse, Nieren und Milz sind in der Regel unauffällig. Steine in Nieren oder Gallenblase sind im Kindesalter super selten, kommen aber vor. Auch ein Harnverhalt oder Nierenstau sind darstellbar, sind aber eher wie eine Blinddarmentzündung oder Invagination (Darmeinstülpung) eher den akuten und nicht chronischen Bauchschmerzen zuzuordnen.
  • H2 Atemteste auf Laktose / Fruktose / Sorbit: Wenn das Bauchschmerzprotokoll Hinweise darauf gibt, dass ein Zusammenhang zu bestimmten Nahrungsmitteln besteht, können spezifische Untersuchungen beim Kindergastroenterologen Sinn machen. Dazu gehören u.a. die H2 Atemteste auf Laktose / Fruktose und Sorbit. Im Prinzip sind dies „Pustetests“. Die Kinder schlucken eine definierte Menge des zu untersuchenden Zuckerstoffs und müssen in der Folge alle halbe Stunde in eine Röhre pusten, die in der Ausatemluft Wasserstoff misst. Bei verstärktem Anstieg und klinischen Symptomen wie Bauchschmerzen und/oder Durchfällen während des Tests, ist die entsprechende Diagnose der Malabsorption des jeweiligen Agens nachgewiesen. Dies setzt einerseits voraus, dass das Kind alt genug ist, diese Tests durchzuführen, andererseits ist die Verfügbarkeit von Terminkapazitäten bei spärlich gesäten Kindergastroenterologen (zumindest in unserer Region) relativ limitiert und Wartezeiten von drei bis sechs Monaten keine Seltenheit. Also: Karenz und Exposition! Haben Sie z.B. Laktose in Verdacht, ernähren Sie Ihr Kind mal drei Wochen laktosefrei (also Milch, Quark, Käse, Joghurt). Wenn Ihr Kind in der Zeit beschwerdefrei ist, kann ja Zufall sein, provozieren nach der Karenz drei Tage volle Pulle mit Laktose und evaluieren, ob die Beschwerden wieder auftreten – Aus meiner Sicht genauso effizient wie ein Atemtest!
  • Magen- und/oder Darmspiegelungen: Diese apparativ invasiven Untersuchungen sind zum Glück extrem selten erforderlich und wenn, dann unter konkretem Anhalt auf eine ausgeprägte Magenschleimhautentzündung, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung oder zur endoskopischen Diagnosesicherung bei Laborhinweisen auf eine Zöliakie/Glutenunverträglichkeit.

Und ohne „Red flags“ bei Bauchschmerzen?

Ähnlich wie beim „Blässe der Haut“ Fall, gibt es Eltern, die für eine „Nicht-organische Ursache“ der Bauchschmerzen erst zugänglich werden, wenn ein Haufen Diagnostik bereits erfolgt ist. Das ist in Ordnung und dient zumindest vielfach zur Beruhigung, dass keine bedrohliche Erkrankung vorliegt. Wenn klar ist, dass zwei Drittel aller Bauschmerzen keine organische Ursache haben, ist selbstverständlich, dass wir Kinderärzte in diesem Rahmen viel zu viel Diagnostik machen, und davon würde ich mich selbst auch nicht ausnehmen.

Hilfe bei Bauchschmerzen
Hilfe bei Bauchschmerzen?

Was hilft bei Bauchschmerzen?

Bauchschmerzen sind mehr als undankbar. Übliche Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetamol helfen bei Bauchschmerzen längst nicht so gut wie bei Kopfschmerzen. Die Alternativen Buscopan oder Iberogast halte ich ebenfalls für nicht sonderlich sinnvoll. Einige Eltern schwören aber darauf. Ich selbst empfehle Wärmflasche/Körnerkissen, viel Zuwendung, Entspannungstechniken, ggf. Bauchmassage und möglichst viel Flüssigkeit zuführen.

Und probiotisch?

Klar, auch Florastörungen im Darm z.B. nach Antibiotikatherapien halte ich als Ursache für chronische Bauchschmerzen für durchaus möglich. Das Mikrobiom des Darms ist ein spannender Bereich aktueller Forschung. Die Gabe eines Probiotikums über mehrere Wochen zur Unterstützung der Darmflora ist sicherlich bei chronischen Bauchschmerzen einen Therapieversuch wert. Eine offizielle, studienbasierte Wirksamkeit ist bisher aber nicht nachzuweisen.

Und osteopathisch?

Aber immer! Aus meiner Sicht insbesondere bei chronischer Verstopfung eine sinnvolle Begleitung! Es gibt einen eigenen Osteopathiezweig – die viszerale Osteopathie, die sich mit den (Bauch-)organen intensiv beschäftigt. Zurückzuführen ist diese Behandlungsmethodik auf den Franzosen Jean-Pierre Barral, die absolute Koryphäe der viszeralen Osteopathie!

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