Blässe der Haut

Herr Doktor, er ist immer so blass?!

Was fehlt dem Körper bei Blässe der Haut? Fehlt überhaupt etwas?! Ist es schlimm, wenn man blass ist? Über vermeintliche Ursachen und Behandlung möchte ich mit diesem Elterninformationsartikel aufklären.

„Blässe der Haut“ ist so ein häufiger Vorstellungsanlass in Arztpraxen, dass selbst die Internationale Krankheitsklassifizierung ICD10 diesem Symptom einen eigenen Code R23.1 zugewiesen hat. Doch was hat das eigentlich zu sagen. Typischerweise im Winter, genauer gesagt zum Ende der langen sonnenlichtarmen Phasen im Februar/März explodiert der Bedarf an diesbezüglichen Patientenpräsentationen in meiner Kinderarztpraxis. Klassisch gepaart mit Adynamie: „und er/sie ist immer so schlapp“ wird häufig direkt der Wunsch von Eltern vorgebracht: „Jetzt müsse doch mal ein großes Blutbild gemacht werden!“ Denn ähnlich wie bei der Coronapandemie eine Googlerecherche zur Ausbildung zum Virologen ausreicht, ist auch in diesem Fall die medizinisch wahrscheinlichste Ursache aus Elternsicht klar: Das Kind hat einen Mangel! Vorzugsweise Eisen oder irgendeine Form von Vitaminmangel. Gerne auch der Dauerbrenner Schilddrüse – weil hat ja XY in der Familie! Der isst ja auch so schlecht, so wenig, so einseitig.

Da muss jetzt was passieren: Ein „großes Blutbild“ muss her!

Bild Blasses Gesicht pexels

Ich schmunzele dann in der Regel innerlich. Großes Blutbild – leider hat Dr. Google nicht geholfen sechs Jahre Medizinstudium und fünf weitere Jahre Facharztweiterbildung für Kinder- und Jugendmedizin zu ersetzen, zeigt nämlich weder Schilddrüse, noch Vitaminmangel und den Eisenmangel höchstens indirekt durch zu wenigen roten Blutfarbstoff und zu kleine rote Blutkörperchen.

Sinnvolle Diagnostik bei „Blässe der Haut“

Also was tun? Natürlich frage ich einmal die Ernährungs- und Trinkgewohnheiten ab, Vegetarier, Veganer? Glutenfrei selbst wenn keine Glutenunverträglichkeit vorliegt?! Eisenverlust? Ständiges Nasenbluten, vermehrte Periodenblutung, wenn die Mädels bereits so weit sind. Irgendwelche Begleitsymptome wie Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsabnahme, die tatsächlich im Rahmen der Blässe auf schwerwiegende Krankheiten hindeuten könnten.

Und dann kommt natürlich die körperliche Untersuchung. Währenddessen erkundige ich mich nach dem Schlaf (schläft spät ein, hat aber auch mit oder ohne Wissen der Eltern bis 23:30 Uhr Fortnite gezockt und wurde dann unsanft um 6:30 Uhr aus dem Bett getreten, weil ist ja leider Schultag) und nach den sportlichen Freizeitaktivitäten (hat zweimal die Woche Fußballtraining, davon einmal in der Scoutingauswahl von Werder Bremen und am Wochenende immer ein Spiel. 90 Minuten Vollgas kein Problem – keine Luftnot, kein Schwindel). Sozialkontakte? Trifft sich ständig / trifft sich nie. Hängt tagtäglich mit den Kumpels im Ort ab, mit Fahrrad wohlgemerkt, oder nur auf dem Sofa/Bett und liest alle HarryPotter-Bände am Stück.

Bild Kind mit Kuscheltieren, pexels
Bei unauffälliger Anamnese kann in der Regel auf eine Blutentnahme verzichtet werden

So, in der Regel weiß ich danach, was Sache ist. Jetzt kommt der Endgegner: Mama oder Papa. Im Ernstfall beide. Hatte ich morgens schon im Terminkalender gesehen: „Eltern sehr besorgt, da immer so blass, wünschen BE (Blutentnahme)!“

Ich reibe mir innerlich etwas ätherisches Öl auf Stirn und Kronenchakra, lade mich energetisch auf und überlege, ob und wie ausführlich ich jetzt über die Nicht-Sinnhaftigkeit des Aderlasses des Sprösslings debattieren möchte.

Wenn Du Huftgetrappel hörst, denk an Pferde, nicht an Zebras!

In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich viel zu viele Blutentnahmen aus Mangel an Erfahrung gemacht. Ehrlich gesagt kam nie dabei ein pathologischer Befund heraus, den ich durch meine Untersuchung nicht erwartet hätte. Ich hatte den weisen Rat meiner Uniprofessorin viel zu oft nicht ernst genommen: Wenn Du Hufgetrappel hörst, denk an Pferde, nicht an Zebras. Ich würde behaupten, dass ich mit Anamnese und Untersuchungsbefund klar entscheiden kann, ob eine Blutentnahme einen zielführenden Zugewinn an Information bringen wird oder eben nicht. Im Kassenarztsystem muss ja auch jede Diagnostik wirtschaftlich und medizinisch notwendig eingeschätzt werden, dazu ist man als Vertragsarzt verpflichtet – Ist den Eltern natürlich wurscht.

Blässe der Haut – Selten Grund zu Sorge

Es gibt Tage, da wiege ich ab: Lohnt es sich jetzt, den Endgegner mit Argumenten zu überzeugen, warum eine Blutentnahme nicht sinnvoll ist, oder entscheide ich mich für eine „therapeutische Blutentnahme“ zur Beruhigung der Eltern, mit an Sicherheit grenzendem unauffälligen Laborbefund. Im Zeitmanagement der vollen Praxis greife ich leider viel zu oft zu Lösung Nr.2, auch wenn der Pieks den Kindern erspart werden könnte.

Wie kommt es überhaupt dazu?

Ursächlich dabei ist wahrscheinlich heute auch die zunehmend generelle Unsicherheit von Eltern (und Großeltern). Eine zunehmende Verunsicherung besteht zudem im Rahmen des ungefilterten Medienkonsums. Meine Vision: Fokussierung auf die Gesundheitserhaltung, die positiven Dinge im Leben, Ernährung, Bewegung und Sport und intakte und regelmäßige Sozialkontakte! Also frei nach Kaiser Franz: „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“

Bild fußballspielende Kinder pexels

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