Drei-Monats-Koliken

In diesem Elterninformationsartikel möchte ich über das nicht seltene Krankheitsbild der Drei-Monats-Koliken berichten. Während der ersten Schwangerschaft sind beide Eltern häufig voller Glückshormone und freuen sich auf die Zeit, wenn das Baby endlich da ist. Es wird essen, schlafen, Stuhlgang abführen und ansonsten entspannt die Welt mit einem Lächeln in sich aufsagen.

Bild Drei-Monats-Koliken

Pustekuchen! Herzlich Willkommen in der Realität! Bei vielen Neugeborenen ist häufig bereits bei Geburt der On/Off Schalter „Schreien“ auf „On“ geklickt worden und der „Off“-Schalter blockiert. Herrlich! Da hat man den Salat. „Es“ schreit und schreit und schreit. Vornehmlich zwischen 18-23 Uhr (wenn ich das im Elterngespräch vorwegnehme, wird häufig erstaunt genickt, als hätte ich heimlich eine Kamera installiert)! Nein – hab ich nicht. Aber auch Kinderarztdasein schützt nicht davor, diese Erfahrung zu machen. Habe ich noch als arroganter Jungassistenzarzt, der nachts um 2 Uhr aus dem Bereitschaftsbett geklingelt wurde, weil mal wieder „ne überforderte Mutter mit plärrendem Baby die Notaufnahme mit Tränen unter Wasser setzt“ gedacht: „Meine Güte, Babys schreien halt mal, na und?“ Aber bei diesen „On“-Babys? Da wird schnell aus „nur schlafen, nie schreien“ ein „nie schlafen, nur schreien“, so dass man mit nicht einmal drei Monate altem Sprössling nachts um 3 Uhr hüpfend auf dem Petziball sinniert, ob der „Brocken“ wohl noch in eine Babyklappe passt oder ob zuerst die Kettensäge aus dem Schuppen geholt werden muss. Entschuldigen Sie diese drastische Formulierung – alle betroffenen Elternpaare kennen jedoch dieses Gefühl.

„Was hatta denn?“

Ja, was hat er/sie denn? Omas, Opas, Tanten, Nichten, Nachbarn, Freunde und mehr-oder-weniger-gut-Bekannte haben alle die eine oder andere gut gemeinte Theorie: Luft im Bauch, Hunger, Bauchschmerzen, Kuhmilchproteinintoleranz, zu warm, zu kalt, zu langweilig, verwöhnt… Dies lässt sich beliebig fortsetzen.

Aber mal systematisch: Wenn er/sie eine saubere Buxe hat, nicht zu warm/zu kalt angezogen ist (Temperaturkontrolle immer im Nacken! Hände/Ohren dürfen kühl sein!), und der letzte Stuhlgang normal war und Trinken zuletzt auch gut geklappt hat, dann wird er in intensivmedizinischem Narrativ „kein Problem“ haben. Gibt Intensivmediziner, die halten Kinder nur für krank, wenn Sie einen Beatmungsschlauch im Hals stecken haben!

Was sind Drei-Monats-Koliken?

Der Begriff ist total irreführend. Klar, in der Regel hören die Symptome nach drei Monaten auf, können aber auch mal deutlich länger (Monate!) anhalten. Koliken? Impliziert irgendetwas mit Bauchschmerzen. Sind aber nur ein Teil der Wahrheit! Klar wird beim Schreien auch viel Luft geschluckt. Das Bäuchlein ist bei Berührung dann häufig waschbretthart. Auch die Beine werden häufig angezogen. Das könnte man deuten, dass dadurch der Bauch entlastet werden soll. Manchmal wird auch die Unreife des Darms mit herangezogen. Klar, im Mutterleib gab’s alles fein säuberlich über die Nabelschnur portioniert. Nun muss der Magen-Darm-Trakt erstmal selber verdauen lernen. Als eher ganzheitlicher Begriff wird häufig die „Regulationsstörung“ genannt – Der Säugling bekommt sich in seiner Umwelt nicht reguliert, ist überfordert und schreit dementsprechend. Den Begriff finde ich ganz zutreffend.

Natürlich, der Sehapparat ist auch noch nicht optimal ausgereift. Man sieht wohl erstmal Bewegung und Hell/Dunkel – Form und Farbe kommt erst später (Übrigens: Deswegen dürfen die Zwerge auch in den ersten Lebensmonaten noch so herrlich schielen!). Dann stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen den ganzen Tag vor einem Blitzgerät?! Da wären Sie aber spätestens um 18 Uhr völlig fertig mit den Nerven!

Bild weinendes Baby

Was hilft bei Drei-Monats-Koliken?

Nachgewiesenermaßen reduziert Tragen auf Mamas/Papas Arm mit engem Körperkontakt die Schreiphasen. Nein an alle Omas / Opas und sonstigen Schlauschnacker: Ein Kind in dem Alter kann man nicht verwöhnen und es muss auch noch nicht lernen, sich selbst zu beruhigen oder weggelegt zu werden.

Warum schreit im nepalesischen Waisenhaus kein Kind? Weil eh keiner kommt. Reine Resignation. Keine „Erziehungsmaßnahme“!

Im Gegenteil: Körperkontakt, schuckeln, singen, ruhiges (!) Auf- und Abgehen verstärkt das Bonding und die Fähigkeiten des Kindes, sich im späteren Alter selbst herunterzuregulieren – Es ist in Sicherheit.

Bild Schlaflos

Wechseln Sie sich ab mit Ihrem Partner, dass jeder mal Schlaf bekommt! Holen Sie sich Hilfe bei Verwandten, die die Babys mal stundenweise betreuen, dass man mal durchatmen kann – Sie sind dadurch kein „schlechtes Elternteil“. Nur eine fitte Mama und ein fitter Papa können den Nachwuchs gut umsorgen. Und suchen Sie sich professionelle Unterstützung, wenn familiäre Ressourcen nicht ausreichend sind bei „Schreiambulanzen“, den „Frühen Hilfen“, SchlafberaterInnen und nicht zuletzt auch Osteopathen.

Achtung! Warnzeichen:

Bitte achten Sie auf medizinische Warnzeichen, wenn Ihr Kind auf jeden Fall dem Pädiater Ihrer Wahl zügig vorgestellt werden sollte bei:

  • Blut im Stuhl oder starker Verstopfung
  • Schwallartiges Erbrechen und/oder schlechtem Trinkverhalten
  • Schlechtem Allgemeinzustand
  • Schrillem Schreien „ganz anders als sonst“

Und osteopathisch?

Koliken, Bauchschmerzen, Blähungen und vermehrtes Schreien sind einer der häufigsten Vorstellungsgründe bei mir in der kinderosteopathischen Sprechstunde. Nach kinderärztlicher Abklärung kann eine osteopathische Begutachtung und Behandlung einen positiven Nutzen haben. Durch die verschiedenen Techniken kann Einfluss auf das Autonome Nervensystem genommen werden. Sympathikus macht Kämpfe/Flüchte-Stress: Bitte einmal runterregulieren! Parasympathikus macht Beruhigung/Verdauung: Bitte einmal hochfahren. Herrlich, wenn man die beiden Player ins Gleichgewicht buxieren kann und der Zwerg unter den eigenen Händen auf einmal entspannt darniederliegt. Auch der Magen-Darm-Trakt kann mit viszeralen Techniken behandelt werden und eine gründliche osteopathische Diagnostik auch weitere begleitende Blockierungen aufdecken und lösen. Aus meiner Sicht sollten Kinder mit dieser Beschwerdesymptomatik dringend ebenfalls osteopathisch begleitet werden.

Und medikamentös?

Ich bin kein großer Fan von klassischen Arzneimitteln in der Behandlung von Drei-Monats-Koliken. Natürlich kann man mal ein Kümmelzäpfchen geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wirkstoffe darin helfen, sind sehr gering. Das Zäpfchen als solches lockert jedoch häufig die Popomuskulatur auf und wirkt daher abführend auch für Winde. Simeticonprodukte sollen „entschäumen“. Klappt im Reagenzglas gut – im „echten Menschen“ aus meiner Sicht nicht. Und wenn, dann nicht, dass weniger Luft entsteht, sondern das süße Zeug an sich beruhigend wirkt. Verstehen Sie mich nicht falsch. Man kann das durchaus machen. Diese Arzneimittel sind nicht giftig. Ich würde mir davon aber nicht zu viel Erfolg versprechen.

Und probiotisch?

Wenn man postuliert, dass die Drei-Monats-Koliken zumindest zum Teil durch eine Unreife des Darms bzw. der Darmflora ausgelöst sind, könnte eine Probiotikazufuhr förderlich sein. Hierzu gibt es keine validierten Studien meiner Erkenntnis nach. Wir empfehlen in der Praxis Bactoflor für Kinder zu geben. Dieses probiotische Produkt kann aus meinem subjektiven Empfinden in der Anwendung einen positiven Effekt haben.

Was sollte ich auf jeden Fall nicht tun?

  • Schütteln Sie Ihr Kind niemals !!! Unter keinen Umständen! Es können in Sekundenbruchteilen irreversible, bis zum Tod führende Schädigungen durch ein Schütteltrauma entstehen. Wenn Sie nicht mehr können, gehen Sie kurz vor die Tür, wenn das Kind sicher liegt, und beruhigen sich, bis Sie die Versorgung wieder übernehmen können. Und holen Sie sich Unterstützung ins Haus.
  • Überreizen Sie Ihr Kind nicht! Versuchen Sie nicht mit Fön, rumpelnder Waschmaschine, klimperndem Schlüsselbund und allem, was die Plastik-Lärm-Industrie hergibt, Ihr Kind abzulenken, damit es kurz nicht schreit. Sie legen nur einen weiteren Reiz on top und verschieben das Schreien nur zeitlich. Weniger ist mehr!

Halten Sie durch! Es wird besser werden! Auch ich konnte es nicht glauben. Aber das, was Ihnen am allermeisten helfen wird, ist die Zeit! Weiterführende Informationen finden Sie beispielsweise bei StarkeKids.com.

Bild Meditation

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