Ergotherapie

Häufig werden Kinder auf Wunsch von Schulen oder Kindergärten in Kinderarztpraxen vorgestellt, damit Sie eine Verordnung für Ergotherapie erhalten sollen. Nicht selten können sich Eltern gar nicht vorstellen, was Ergotherapie denn überhaupt leisten soll. In der Regel „irgendein Defizit beim Kind weg machen“ – so die Wunschvorstellung.

Ergotherapie Materialien

Woher kommt die Ergotherapie?

Im 20. Jahrhundert wurde Sie zur Behandlung psychiatrisch erkrankter Personen entwickelt, durch Übernahme von alltäglichen Arbeitstätigkeiten im Gesamtkrankheitsbild voranzubringen. So die Definition des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten:

„Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen jedes Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung für sie bedeutungsvoller Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken. Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung dazu, dem Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen.“

Und bei Kindern?

In der Definition sind auch die für Kinder drei relevanten Faktoren herauszulesen: Alltagsbeeinträchtigung, Teilhabestörung und Leidensdruck. Und wie gesagt: Therapie setzt Krankheit voraus! Bei Kindern mit Behinderungen sind die Einschränkungen in diesen Teilbereichen offensichtlich. Die Therapieindikationsstellung orientiert sich am individuellen Setting für das jeweilige Kind. Was genau sollte dieses Kind erlernen (im Rahmen seiner kognitiven und motorischen Entwicklungspotentiale), um eine Alltagserleichterung und eine bessere Teilhabe in Kita/Schule/Daheim zu erreichen, ggf. auch unter Zuhilfenahme von Hilfsmitteln.

Ergotherapie Schreibendes Kind

Wie stellt man die Indikation für Ergotherapie?

Bei auf den ersten Blick normal intelligenten Kindern liegt die Indikationsstellung nicht so auf der Hand. Daher bieten sich Fragebögen für Eltern sowie Schulen und Kindergärten an, um herauszufinden, in welchen Alltagssituationen die Kinder beeinträchtigt sind. Ich gebe regelmäßig diese Fragebögen heraus, in der Regel mit einem Wochenbeobachtungsbogen, um wirklich einen möglichst umfassenden Eindruck über etwaige Defizite zu bekommen. Auch darüber, was bereits an Förderungen erfolgt ist, wie die Sozialkontakte aussehen, Medienkonsum etc.

Nach Auswertung der Fragebögen kann ich entscheiden, ob und in welcher Form eine standardisierte Entwicklungsdiagnostik sinnvoll ist. Wie letzte Woche bereits erwähnt, ist für die Verordnung eines Heilmittels ein Prozentrang <10 erforderlich, damit auf Krankenkassenkosten ein Heilmittel verordnet werden kann.

Indikationen im Vorschulalter

Ergotherapie bastelndes Kind

Für Kinder im Kitaalter nutzen wir in der Praxis die „Basisdiagnostik umschriebener Entwicklungsstörungen im Vorschulalter (BUEVA)“. Dies ist ein recht ausführlicher Test, der in Abhängigkeit von der Mitarbeit des Kindes ca. 1 Stunde dauert. „Vorschulalter“ bedeutet, das letzte Jahr vor der Einschulung! Aus meiner Sicht ist eine Ergotherapie bei normal intelligenten vor diesem Alter nicht sinnvoll. Ziel bei Vorschulkindern ist, die zur Einschulung notwendigen Fertigkeiten erlernt zu haben. Da der geistige Sprung vom fünf- zum sechsjährigen enorm ist, ist dies auch der beste Zeitpunkt ergotherapeutisch mit den Kindern zu arbeiten. Typische Indikation: Feinmotorische Defizite! Klassiker: 5jähriger Junge, der in seinem Leben noch nie einen Stift in der Hand hatte, nur mit Papa Traktor fährt, Lego baut und draußen spielt. Manchmal sind die Defizite in der Fein- oder Visuomotorik so groß, dass die Vorschulübungen im Kindergarten und im häuslichen Bereich nicht ausreichen werden, dem Jungen bis zur Einschulung eine angemessene altersentsprechende Graphomotorik zu vermitteln. In diesem Fall darf für eine begrenzte Zahl von Therapieeinheiten auch mal ein Profi in Form eines Ergotherapeuten ran.

Häufigste Anfrage im Vorschulalter ist jedoch: „Unruhe, kann sich nicht konzentrieren, kann nicht stillsitzen!“ Auch dieser Teilbereich wird (zumindest mit einem kleinen Untertest) im BUEVA miterfasst. Dies legitimiert dann häufig die Verordnung von Ergotherapie (wie immer: für einen begrenzten Zeitraum), aber ein konkretes Ziel zu formulieren, wird dann schon schwieriger. „Soll sich 10 Minuten mit einer Sache beschäftigen?“ Ganz ehrlich: Therapiert wird in diesem Fall weitaus häufiger der Leidensdruck der Eltern/Erzieher als der des jeweiligen Kindes. Mal abgesehen davon: Die Erfolge in diesem Bereich sind mehr als überschaubar. Daher umso wichtiger als Kinderarzt den Therapiezeitraum zu begrenzen, die Anleitung für die Eltern in den Vordergrund zu stellen, um insbesondere im liebevollen Begleiten des Kindes in seiner Entwicklung unterstützt zu werden.

Indikationen im Grundschulalter

Ergotherapie Meldendes Kind

Auch hier sind es manchmal noch die graphomotorischen Defizite, die mit ein wenig professioneller Unterstützung aufgelöst werden könnten. Ansonsten gilt äquivalent dem Vorschulalter: Fragebogen zur Problematikbeurteilung und anschließend standardisiertes Testverfahren. Ich nutze in der Praxis dafür zwei, die sinnvoll, effizient und mit noch überschaubarem Zeitaufwand durchgeführt werden können. „Basisdiagnostik umschriebener Entwicklungsstörungen im Grundschulalter (BUEGA)“ sowie TEA-Ch (Ein Testverfahren um Aufmerksamkeit und Konzentration spezifisch zu überprüfen). Man sieht: Auch im Grundschulalter sind Aufmerksamkeit, Konzentration, motorische Unruhe und Arbeitstempo häufigste Ergotherapieanfragen. Im BUEGA können auch Hinweise für Lese-Rechtschreib- und Rechenstörungen gefunden werden. Achtung: Legasthenie und Dyskalkulie dürfen per Heilmittelrichtlinie NICHT mit Ergotherapie behandelt werden, sondern benötigen eine Lerntherapie, die nicht über eine Verordnung vom Arzt zu erhalten ist, einen gesonderten Antrag erfordert, auch bzgl Nachteilsausgleich etc. für die Schule, aber das mag jetzt zu weit führen.

Erfolge durch Ergotherapie

Aus meiner Sicht sind die Erfolge, die durch Ergotherapie zu erreichen sind, maßgeblich von folgenden Voraussetzungen abhängig: Durchführung der Ergotherapie in einer ambulanten Praxis und NICHT im Kindergarten oder Schule, sondern unter wöchentlicher direkter Einbindung der Eltern in den Prozess der Therapieeinheiten; Anleitung zu häuslichen Übungen zur Umsetzung im Alltag, Schule etc. Denn 1x/Woche Ergotherapie ändert für das Kind: GAR NICHTS! Nach 20-30 Einheiten sollte eine Therapiepause eingelegt werden, um Erlerntes zu verfestigen und Therapiemüdigkeit zu vermeiden. Bei ausbleibenden Erfolgen sollte die Therapie abgebrochen werden und weiterführende Diagnostik in spezialisierten z.B. sozialpädiatrischen Zentren durchgeführt werden. Wenn die Mitarbeit der Eltern nicht gewährleistet ist, sollte keine Therapie verordnet werden. In Ausnahmefällen können bei ganztagsbetreuten Kindern auch die engen Bezugspersonen (Erzieherinnen/Förderschullehrerinnen) die Umsetzung der ergotherapeutischen Empfehlungen mit umsetzen.

Zum Thema AD(H)S und Therapien (Medikamentös und nicht-medikamentös) wird es noch einen eigenen Post geben.

Persönliche Einschätzung zur Ergotherapie

Aus meiner Sicht kann Ergotherapie – über einen begrenzten Zeitraum durchgeführt – helfen, Kindern mit Leidensdruck, Teilhabestörung und Alltagsbeeinträchtigung zu einer konkreten Problematik einen Schubs in die positive Richtung zu geben. Dies funktioniert nur bei engagiert mitarbeitenden Eltern und Bezugspersonen, regelmäßigen therapeutischen Hausaufgaben, Veränderungen im Alltag und Therapeuten, die ebenfalls klare Ziele verfolgen und sich nicht im never ending „Verbesserung von…“-Wahnsinn verlieren!

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