Heilmittelwahnsinn

Vorab: Die affektgefärbten Äußerungen in diesem Post zum Heilmittelwahnsinn und alle zugehörigen kommenden, die über die Vermittlung von Fakten hinausgehen, spiegeln nur meine persönliche Meinung wider und besitzen keine Allgemeingültigkeit. Wenn sich jemand persönlich angegriffen fühlt, möge er/sie dies vielleicht als Anregung sehen, über die eigene Haltung zum entsprechenden Thema nachzudenken, warum man dort getriggert wird.

In der Praxis wird in den letzten Jahren zunehmend von Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen der Ruf nach Heilmitteln laut. Corona ist aus meiner Sicht nur eine mittelmäßige Ausrede für den (sehr fraglich) erhöhten Heilmittelbedarf.

Was sind Heilmittel?

Im Kindesalter zählen zu den Verordnungen im Heilmittelbereich: Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie. Was klassisch sinnvolle Indikationen für entsprechende Verordnungen in den einzelnen Fachgruppen sind, werde ich in den nächsten Wochen in einzelnen Posts beleuchten.

Wichtig zu wissen: Die Indikation für eine Heilmittelverordnung stellt ein Arzt (Kinderarzt, Allgemeinmediziner, Pädaudiologen, sozialpädiatrische Zentren etc.) und nicht das Schul- oder Kitapersonal, Nachbarn, Großeltern oder Pekipkursleitungen.

Wann bekommt man eine Heilmittelverordnung?

Heilmittel Stifte Brille

Häufig steht im Terminkalender „Kiga wünscht Logo/Schule wünscht Ergo etc.“. Heilmittel sind kein Wunschkonzert, sondern – wie der Name schon sagt – sollen einen krankhaften Zustand „heilen“. Ergotherapie und Physiotherapie tragen es im Namen: Therapie setzt Krankheit voraus! Also erste Frage an Eltern, wenn Heilmittel“wunsch“ besteht: Glauben Sie, Ihr Kind ist „krank“? In den seltensten Fällen wird diese Frage mit „ja“ beantwortet. Normalerweise sollte das Gespräch hiermit beendet sein: Alles klar, dort ist die Tür! Nein, ist es aber in der Regel nicht: „Aber XYZ sagt, er/sie braucht das! Und (noch besser!) es würde ihm guttun!“ Guttun? Sind wir bei einer Wellnessbehandlung?

Also, zur Klarstellung: Nach Heilmittelrichtlinie und den IVAN-Richtlinien zur Verordnung von Heilmitteln bei Kindern ist ein therapiebedürftiger Befund vorhanden, wenn die Ergebnisse eines standardisierten Testverfahrens zur Fragestellung einen Prozentrang von <10 ergeben. Zum besseren Verständnis: Es reicht NICHT, unterdurchschnittlich (<50%) zu sein. Man muss schon zu den kleiner 10% der schlechtesten einer Altersgruppe gehören, damit man Anspruch auf Therapie hat. Da ein 10er Rezept mehrere Hunderte Euros kostet, ist für die Krankenkassen klar, dass nur die WIRKLICH kranken Kinder eine Verordnung erhalten sollten.

Es gibt noch eine Wischiwaschiformulierung, die abseits von der Testverfahrensregel eine Verordnung möglich machen soll: Wenn hoher Leidensdruck besteht (wessen? Eltern? Kind? Betreuungspersonal?), eine Teilhabestörung z.B. im Kindergarten aber auch zu Hause besteht, und eine Alltagsbeeinträchtigung,  weil z.B. ein behindertes Kind sich die Jacke nicht selbst zumachen kann.

Diese recht strengen Vorgaben im Heilmittelwahnsinn führen regelhaft zu Unmut bei denen, die eine Heilmittelverordnung fordern. Häufig konnotiert „Der Doktor gönnt meinem Kind das nicht!“

Ziele einer Heilmittelverordnung

Für den Fall, dass die Voraussetzungen für eine Heilmittelverordnung eingetreten sind, ist das allerwichtigste, ein konkretes Ziel anzustreben, z.B. dass ein Kind lernt, den Reißverschluss seiner Jacke zu schließen, dass ein Kind zur Einschulung statt „meckalin“ „Schmetterling“ sagen kann. Konkrete, verifizierbare Ziele sind das A und O!

Was sind keine Ziele?

Die, die mit „Verbesserung von…“ anfangen. Verbessern kann man immer! Von der Wiege bis ins Grab. Häufig sind solch schwammige Formulierungen, Einladungen an Therapeuten, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag Verordnungen fortzuführen. Also, in Absprache mit den Eltern und weiteren Betreuungspersonen wird ein konkretes Ziel festgelegt. Die Heilmittelrichtlinie fordert Therapiepausen, eine „Dauerverordnung“ ist weder gewünscht, noch sinnvoll. Könnte aber ggf. zu Lücken im Terminkalender des Therapeuten führen und wird dementsprechend häufig mit Vehemenz abgelehnt. Wenn nach dem Krankheitsfall zugeordneten durchschnittlichen Therapieeinheiten das realistisch festgelegte Ziel nicht erreicht wurde, sollte vielleicht einmal hinterfragt werden, warum dies so ist. Und nicht die Verantwortlichkeit im (möglichen) Defizit des Kindes gesehen werden!

Wie erreicht man nun seine Ziele?

Na wie immer (auch im Heilmittelwahnsinn): Übung macht den Meister. Neben der konkreten Zielsetzung ist die Anleitung zur Umsetzung für zu Hause u.a. mit therapeutischen Hausaufgaben eine maßgebliche Sicherung des Therapiefortschritts und –erfolgs. Heilmittel 1x/Woche ist sinnfrei wie 1x/Woche Sport! Mehrfach wöchentliche Übungen zur Festigung des Therapieinhaltes sind unerlässlich. Leider wird diese Vorgabe, die ich explizit in die Verordnungen schreibe, regelmäßig von einigen Therapeuten missachtet. Damit der Therapieerfolg auch gewährleistet werden kann, ist ein enger Austausch mit den Eltern zwingend erforderlich. Aus diesem Grund halte ich Therapien in Einrichtungen (Kitas und Schulen) für in den allermeisten Fällen ineffizient. Es erfolgt kein Übertrag für zu Hause. Klar, für die Eltern ist das bequem, müssen sie den Nachwuchs nicht noch in irgendeine Praxis karren unter der Woche, aber bei der Einstellung kann man auch schon mal darüber nachdenken, WARUM dieses Kind überhaupt in den Heilmittelbedarf gerutscht ist. Keine Frage, bei genetischen Syndromen, krankhaften Zuständen nach Unfällen, frühgeburtlichkeits- und anderen peripartalbedingten Schädigungen sind die Ursachen einleuchtend. Aber ansonsten? Könnte evtl. auch ein heimisches Förderdefizit oder unregulierter Medienkonsum mit reinspielen?!

Heilmittelwahnsinn Medien

Generell nimmt die Tendenz zu, Verantwortung für Schwierigkeiten in der Entwicklung auf Therapeuten verschiedener Fachgebiete abzuturfen. Ich habe den Eindruck, dass Herausforderungen im pädagogischen Bereich (Elterlich oder Schule/Kita) gerne ein „krankhafter Touch“ zugeschrieben werden soll, damit man sich selbst nicht mehr so eingehend damit beschäftigen muss. Sehr traurig!

Wie kann ich eine Entwicklungsstörung und den Heilmittelwahnsinn verhindern?

Bei „normal“ gesunden Kindern kann man präventiv super viel tun. Was genau, bespreche ich bei den Folgeposts zu den Themen Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie!

Heilmittwahnsinn Malen

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