Sitzen – Stehen – Laufen

Quell ewiger Blockierungen? Häufig werde ich von Eltern gefragt, was sie für die motorische Entwicklung fördernd tun können. Die Frage zielt meist darauf ab, dass die Kinder schneller sitzen – stehen – laufen sollen. Sie ahnen es bereits, die Antwort lautet „Nichts!“.

Wie verläuft „normale“ motorische Entwicklung?

In der Regel läuft die motorische Entwicklung nach immer – mehr oder weniger –  gleichen Meilensteinen ab – vom Kopf zu den Füßen abwärts. Erst dreht sich ein Kind vom Rücken auf den Bauch, danach zurück. Es folgen Kreiseln, Robben, Vierfüßlerstand, Krabbeln, Hinsetzen, Kniestand, Hochziehen, Laufen an Möbeln und schlussendlich freies Laufen.

Wann welcher dieser Entwicklungsschritte erreicht wird, ist individuell extrem verschieden. Es gibt Kinder, die laufen mit 9 Monaten, andere mit 22 Monaten. Also, ganz schön komplex zu entscheiden, was ist „normal“?!

Unruhe oder Sorge bezüglich der motorischen Fortschritte der Sprösslinge entstehen häufig nicht aus den Eltern heraus. Oft ist es die Umgebung, die Unruhe stiftet: Kann er denn schon sitzen? Wieso läuft er denn noch nicht? Warst Du denn „damit“ schon beim Arzt?

Kind stehend gehalten
Sitzen – Stehen – Laufen und möglichst zackizacki?!

Grobmotorik ist aus meiner Sicht eher der unwichtigste Entwicklungsteilaspekt. „Kein Kind krabbelt in die Schule!“ Irgendwann laufen alle Kinder (außer den zum Glück wenigen, die eine ernsthafte Grunderkrankung haben)! Die Grobmotorik ist jedoch nach außen besonders sichtbar in ihrer Veränderung im ersten Lebensjahr. Sozioemotionale und sprachliche Fortschritte sind aber mindestens genauso wichtig.

Parens Pekip Elternmafia

Daher ist klar, dass insbesondere der Vergleich mit gleichaltrigen Säuglingen in Parens, Pekip und sonstigen Kursen für Erstgeborene häufig zu „Enttäuschungen“ führt oder gar Angst vor möglicherweise krankhaften Zuständen grassiert, wenn der Sprössling „der einzige ist, der dies oder jenes noch nicht kann“. Ab dem zweiten Kind hat man in der Regel weder Zeit noch Bock sich der Mütter- (selten Väter-)mafia auszusetzen.

Kind gehalten
Ist üben nötig?!

Um dann etwaiger „Entwicklungsdefizite“ der motorischen Art möglichst zügig beseitigt und aufgeholt zu bekommen, wünschen sich Eltern gerne ein Übungsprogramm zur Optimierung der Bewegungsabläufe ihrer Zwerge. Wärmstens ans Herz legen möchte Ihnen dazu noch einmal das Baby Bootcamp Bauchlage im Tonus Asymmetrie Syndrom – Handlingleitfaden. Dort finden Sie einfache Übungen zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur, Kopfkontrolle und Bauchlagenakzeptanz. Wenn Sie dies in den ersten drei bis vier Lebensmonaten getan haben, werden Sie wahrscheinlich danach kaum noch Unterstützung benötigen.

Wenn ich oben schreibe „Nichts!“, dann meine ich damit, dass Sie Ihr Kind natürlich motivieren können, „in Bewegung zu kommen“. Singen Sie, feuern Sie es an, lachen Sie, gestikulieren Sie freundlich, wohl gemerkt ohne Hand ans Kind zu legen!!!

Die drei häufigsten Epic fails in der vermeintlichen Unterstützung der motorischen Entwicklung von Sitzen – Stehen – Laufen

1. „Herr Doktor, er kann/will schon sitzen!“

Kind gehaltener Sitz
Nee! Kann er nicht!

Tägliches Thema in der Praxis. Wann kann ein Kind sitzen? Wenn es sich selber hinsetzen kann! Wie setzt sich ein Kind selber hin? Immer aus Bauchlage! Es geht in den Vierfüßlerstand und dreht sich in einer Rotationsbewegung auf den Allerwertesten. Wie setzt sich ein Kind niemals physiologisch hin? Aus einer Situp-Position! „Aber Herr Doktor, sehen Sie, ich gebe ihm meinen Finger und er zieht sich daran hoch!“ Nein! Er hält sich fest und sie ziehen ihn hoch! Wenn Sie das nur oft genug machen, dann wird Ihr Kind sich daran gewöhnen und immer die Patschehändchen ausstrecken, damit sie es hochziehen. Der Mensch an sich ist faul und tut nur, was er muss. Warum sollte das Kind lernen sich über den physiologischen Weg hinzusetzen, wenn es jemand findet, der ihm die Arbeit abnimmt?! Durch Hingesetzt-werden verzögern Sie die motorische Entwicklung Ihres Kindes mal locker um mindestens drei Monate. Das meine ich, wenn ich sage: Nichts! Nichts, wo Sie Ihre eigenen Hände zur Unterstützung benutzen müssen.

Mal von der Unfallgefahr abgesehen. Ein Kind, was hingesetzt wird und sich nicht selber hinsetzen kann, wird sich bei einem Sturz unweigerlich rücklings den Schädel einschlagen, weil es nicht gelernt hat, sich altersentsprechend abzurollen/abzufangen. Mal davon abgesehen, dass es sich in der Regel nicht um ein richtiges Sitzen im Langsitz handelt, sondern eher um ein zusammengesunkenes Bündel Marke nasser Kartoffelsack. Welch‘ Freude für uns Osteopathen, denn da die Muckis im Rumpf und um die Wirbelsäule noch nicht ausreichend auftrainiert sind, um anständig sitzen können, ballern Sie Ihren Säuglingen da im Becken und der Wirbelsäule eine ganze Batterie an Blockierungen rein.

2. „Schauen Sie mal, er kann/will schon stehen!“

Kind stehend an Händen
Instabil und ungesund!

Das Elend setzt sich fort im Hopser spielen, also dem Auslösen eines Streckreflexes in den Beinen eines kleinen Säuglings, häufig „geübt“ mit vier bis sechs Lebensmonaten, sehr zur Freude der (Groß-)eltern und quittiert mit einem (meist reaktiven) Grinsen oder auch lauthaftem Lachen des Säuglings. Vergessen Sie nicht, in diesem Alter würden die Kinder auch einen Säbelzahntiger anlachen, um nach Kindchenschema „tu mir nix“ nicht aufgefressen zu werden. Das immer wieder Konditionieren dieses Streckreflexes, der sich normalerweise in diesem Alter von vier bis sechs Monaten längst zurück gebildet hat, verhindert konsekutiv das Drehen des Kindes vom Rücken auf den Bauch, denn dafür ist eine Beugung in der Hüfte unabdingbar. Also: bitte lassen! Ein epischer Verzögerer motorischer Bewegungsabläufe!

3. „Herr Doktor, der kann/will schon laufen, ist das nicht toll?!“

Kind an Händen laufend Sitzen Stehen Laufen
So bitte nicht!

Häufig lange vor dem ersten Geburtstag werden Säuglinge an beiden Händen gehalten durch den Raum geführt. Der Rücken maximal durchhängend, ebenso die Ärmchen wie ein Äffchen, mehr stolpernd als laufend vorne auf einem Spitzfuß, eher an einen primitiven Schreitreflex erinnernd als an ein echtes Laufen, wieder begleitet von kicherndem Lachen von Eltern und Kind. Nööööt! Tun Sie das nicht! Wenn Sie Ihr Kind an beiden Händen halten, nehmen Sie dem Sprössling – ob Sie wollen oder nicht – die komplette Gleichgewichtsarbeit ab. Und wie gesagt: Der Mensch an sich ist faul. Je mehr Sie helfen, desto langsamer der eigene Motorikantrieb. Feuern Sie Ihr Kind lieber aus der Ferne an! Motivation und Freude stärken das Selbstbewusstsein und den Mut Ihres Kindes. Es kann hervorragend einen Hocker durch die ganze Bude schieben und damit laufen selbständig üben. Der Hocker ist steif und bietet keinerlei adaptive Gleichgewichtsunterstützung. Seien Sie mit Lauflernwagen vorsichtig. Rollen diese schnell, dann bremst Ihr Kind eher früher als später mit dem Gesicht auf dem Boden!

Baby mit Hocker Sitzen - Stehen - Laufen
Hocker schieben lassen ist prima!

Fazit: Weniger ist mehr!

Die einzige Unterstützung die ein grundgesundes Kind für seine motorische Entwicklung (Sitzen – Stehen – Laufen) braucht, ist positive Zuwendung, in Gestik, Mimik, Gesang und Sprache! Verbringen Sie Ihr Kind frühzeitig in Bauchlage und spielen Sie in dieser Position so viel wie möglich. Für von der Norm krankhaft abweichende Zustände vertrauen Sie dem Urteil Ihrer Kinderärzte in den Vorsorgeuntersuchungen. Diese werden Sie wenn nötig spezifisch unterstützen, wenn irgendwann etwas nicht mehr „nach Plan“ verläuft!

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