Verkürztes Zungenbändchen

In kinderärztlichen und kinderosteopathischen Praxen nimmt die Thematik, dass ein verkürztes Zungenbändchen vorliegen könnte, in den letzten Jahren rasant zu. Regelmäßig ist dieses Krankheitsbild Thema in kinderosteopathischen Fortbildungen. Da es sich um eine anlagebedingte „Auffälligkeit“ handelt, gibt es eigentlich keine Begründung für eine Zunahme einer Inzidenz.

Puppe Zunge

Was macht ein verkürztes Zungenbändchen?

Das verkürzte Zungenbändchen – in Medizinersprech „Ankyloglossie“ genannt – macht primär Probleme beim Stillen. Der Mund des Säuglings wird unzureichend geöffnet, die Brustwarze der Mutter nicht anständig umschlossen, kein anhaltendes Vakuum aufbaut. Vermehrtes Luftschlucken, Unruhe beim Trinken, ständiges Absetzen kann die Folge sein. Das Zungenbändchen sitzt unterhalb der Zunge mittig und kann z.B. einen Ansatz „zu weit vorne“ und durch eine Verkürzung zum herzförmigen Einschneiden der Zungenspitze führen. Die Beweglichkeit der Zunge ist dadurch evtl. reduziert, der Saug- und Schluckakt ggf. nicht optimal durchzuführen.

In der Literatur findet man fürs verkürzte Zungenbändchen weitere „Folgeschäden“:

  • Verzögerte Sprachentwicklung durch reduzierte Zungenbeweglichkeit
  • HNO-Probleme im Bereich der Entwicklung/Wachstum von Oberkiefer und umliegender Strukturen durch mangelnden „Druck“ auf den Gaumen beim Kau-/Schluckakt
  • Kiefergelenksprobleme (CMD – Craniomandibuläre Dysfunktion)
  • Bis hin zu Kopfschmerzen bei Jugendlichen und Erwachsenen

Wie erkennt man ein verkürztes Zungenbändchen?

Primär braucht man erstmal „ein Problem“. Ein Kind, das bestens an die Brust geht, hat mit Sicherheit kein therapiebedürftiges Zungenbändchen. Gelangt die Zunge entspannt über die Zahnleiste und bestenfalls über die Unterlippe, ist das Zungenbändchen unauffällig. Beim herzförmigen Einschneiden der Zungenspitze UND Problemen beim Stillen, äußern Hebammen, Stillberaterinnen und Eltern häufig den Verdacht auf eine Ankyloglossie. Dann sollte das Kind primär beim Kinderarzt vorgestellt werden. Dieser begutachtet dann die Zungenbeweglichkeit, den Mundschluss, die Saugfunktion, die orofazialen Reflexe und stellt schlussendlich die Indikation, ob das Zungenbändchen einer Behandlung zugeführt werden muss.

Skalpell verkürztes Zungenbändchen

Therapie der Ankyloglossie und Kehrseite

Die Therapie des verkürzten Zungenbändchens ist denkbar einfach: „Schnipp-schnapp“! Per chirurgischer Schere oder Skalpell wird das Zungenbändchen durchtrennt (Frenotomie/Frenulotomie genannt). Verschiedene Fachdisziplinen führen diesen Eingriff (in der Regel ohne Narkose!) durch: HNOs, Zahnärzte, Kinderärzte, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen. Super selten gibt es auch im hinteren Bereich der Zunge pathologische Anhaftungen, die einen größeren Eingriff mit rautenförmiger Lösung/Schnitten erfordert, aber wie gesagt: Super selten! Die Behandlung wird – wenn medizinisch notwendig -von den Kassen bezahlt. Wer hipp sein will, lässt dies per Laser machen, muss dann aber cash zahlen – im Internet werden dafür 200-400€ veranschlagt. Und da liegt für mich der Hund begraben. Aus meiner Sicht hat sich in den letzten Jahren ein regelrechter Hype ums „verkürzte Zungenbändchen“ entwickelt. Es gibt mittlerweile ganze Fachgesellschaften, die sich mit EINEM Schnitt beschäftigen. Es werden „Zentren für orale Restriktion“ ins Leben gerufen. Klingt ja auch besser, wenn man der Freundin im Babycafé erzählt, der Nachwuchs leide an oraler Restriktion als an einem verkürzten Zungenbändchen. Es werden „Netzwerke“ gebildet, meistens unter Umgehung von Kinderärzten, die den Beteiligten vielleicht mal klarmachen würden, ob sie noch alle Latten am Zaun haben. Also Zuweisung von Hebamme/Stillberaterin direkt an den „schneidenden“ Fachkollegen. Böse Zungen munkeln schon von Provisionen / „Schnittprämien“.

Mein genereller Rat an alle, unabhängig vom Lebensalter: Wenn Sie vor der Entscheidung stehen, eine elektive (nicht-Notfall)-OP durchführen zu lassen – bei sich oder ihren Kindern – lassen Sie die Indikation von jemandem stellen, der selbst NICHT operiert, also auch folglich keine (möglichen!) monetären Interessen verfolgt. Wenn ein nicht-chirurgisch arbeitender Fachkollege zur Operation rät, können Sie in der Regel darauf vertrauen, dass dies auch sinnvoll ist.

Zungenbändchen weinendes Baby

Die Lüge vom „es tut nicht weh“

Der Eingriff wird bei Neugeborenen und kleinen Säuglingen in der Regel ohne Betäubung/Narkose durchgeführt. Das Zungenbändchen ist ein „Häutchen“ und je nach Ausprägung bindegewebig, ggf. auch muskulär und mit Mundschleimhaut überzogen. Es wird postuliert, dass keine Nerven darin seien und der Schnitt nicht schmerzhaft sei. Jeder Schnitt jedoch zieht eine Wunde nach sich. Mag das Durchtrennen selbst noch recht schmerzarm sein, schauen Sie sich die Wunde mal am 2. Tag an. Es bildet sich in der Regel so etwas wie eine Aphthe. Und jeder, der mal eine hatte, weiß, wie unangenehm das sein kann. Gehen Sie also nicht leichtfertig mit diesem Eingriff um. Es gibt definitiv Indikationen zur Frenotomie, aber im Sinne Ihres Kindes, lassen Sie vorher den Kinderarzt Ihres Vertrauens draufschauen, ob dies bei Ihrem Kind zutrifft.

Differentialdiagnose „Stillschwierigkeiten“

Neben dem verkürzten Zungenbändchen können auch andere Probleme beim Stillen auftreten, die in den osteopathischen Wirkkreis fallen. Somatische Dysfunktionen des Gesichtsschädels, des Hirnschädels, der Halswirbelsäule sowie der beteiligten Hirnnerven, Muskeln und Organe können die Stillfähigkeit auf Kindesseite deutlich beeinträchtigen. Diese sind osteopathischen Techniken häufig gut zugänglich und bedürfen keinerlei Skalpelleinsatz!

Zwei Kinder Zunge

Schreibe einen Kommentar