Verstopfung bei Baby und Kleinkind?

Mit diesem Elterninformationsartikel möchte ich über die verbreitete „Kinderkrankheit“ Verstopfung bei Baby und Kleinkind informieren. Als ich anfing, mich mit Kinderheilkunde zu beschäftigen und dem Gedanken, dass ich mich in eigener Praxis niederlassen könnte, hatte ich die naive Vorstellung, ich würde den ganzen Tag kranke Kinder gesundmachen. Ich hatte nicht damit gerechnet, wieviel Freude es machen kann, 80% gesunde Kinder zu sehen, bei Vorsorgen, Impfungen, beim Aufwachsen. Was ich ebenso unterschätzt hatte, war die Häufigkeit des Krankheitsbildes Verstopfung (Obstipation) als Grund für eine ärztliche Vorstellung. Ungelogen ist dies ein tagtägliches Thema in der Praxis.

Klare organopathologische Ursachen wie Morbus Hirschsprung (einer Nervenerkrankung im Darm, die zu einer Entleerungsstörung führt) sind dabei extrem selten. Nahrungsmittelunverträglichkeiten können gelegentlich mal zu einer Obstipation beitragen. Die häufigsten Zeitpunkte für das Auftreten dieser Problematik liegen erstens im Rahmen der Beikosteinführung. Von vormals reiner Flüssigkost in Form von Muttermilch und Pulvernahrung muss der Darm nun faserhaltige Strukturen verstoffwechseln. Das kann zu Übergangs-/Anpassungsproblemen führen.

Zweitens im Rahmen des Trockenwerdens. Das Kind lernt bewusst „zurückzuhalten“, die Entleerungskontrolle zu übernehmen. Es hat dann zu wenig Zeit, zu wenig Lust, sich angemessen zu entleeren, weil Spielen natürlich immer spannender ist. Zum anderen führt fester Stuhlgang zu Schmerzen an der empfindlichen Poschleimhaut, dass aus Angst davor vermieden wird abzuführen. Dies führt zu einem Teufelskreis.

Mein Kind hat aber jeden Tag Stuhlgang, es ist nicht verstopft!

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine tägliche Stuhlgangsmenge von 100%. Aus oben genannten Gründen führen Sie aber nur 50% ab, dann können Sie sich schnell erklären, wie es zur Verstopfungsproblematik kommt.

Was kann ich tun, wenn bei meinem Baby oder Kleinkind Verstopfung auftritt?

Aus meiner Sicht wird Ernährung diesbezüglich maßlos überschätzt. Na klar führt der Konsum von einem halben Glas NussNougatCreme am Tag, sowie das Trinken von zuckerhaltigen Getränken zu einem gewissen Risiko von Verstopfung. Dennoch ist die Verhaltensproblematik aufgrund des Rückhaltens viel entscheidender. Aber welchem Kindergartenkind kann man schon eine von Fachgesellschaften empfohlene fünfmal am Tag Gemüseeinheit reindrücken, wenn die akzeptierte Basiskost sich maximal auf Nudeln und Gurke reduziert. Geben Sie Ihrem Kind auf jeden Fall ausreichend Flüssigkeit zu trinken, idealerweise Wasser. „Wasser mit künstlichem Geschmack“ und Säfte sind Süßigkeiten. Kein Mensch „braucht“ Saft. Ebenso wenig Quetschies. Medizinerin Sigrid Peter hat es im Spiegel so schön ausgedrückt: „Quetschies sind für mich ein Produkt aus der Hölle!“ Geben Sie Ihren Kindern frisches Obst und Beeren und bitte nicht in verarbeiteter Form.

Bei größeren Kindern empfiehlt sich ein Toilettentraining. Schicken Sie z.B., wenn es in Ihren Tagesablauf passt, nach jedem Mittagessen / Abendessen Ihr Kind mit ausreichend Zeit zur Toilette. Dort sollte es dann für 15 Minuten verbleiben, gerne mit einem Buch oder, wenn es unbedingt sein muss, auch mit einem YouTube Video. So können Sie den Körper als „Gewohnheitstier“ auf eine Entleerungszeit am Tag „programmieren“.

Was kann der Doktor tun?

Wie oben angedeutet ist Verhalten / Angst das Grundproblem, das zu chronischer Verstopfung, zu einem „Ausleiern“ des Enddarms und zu Problemen bei der Entleerung führt. Heißt: Die Angst, es könnte wehtun, muss weg. Wie löscht man diese? Durch ausreichend positive Erlebnisse! Der Stuhlgang muss weich werden, am besten in Apfelmuskonsistenz, besser als auch nur eine Spur zu hart. Was nutzt man dafür? Macrogolprodukte! In der Praxis nenne ich das immer Zauberpulver. Praktisch nebenwirkungsfreier „künstlicher Ballaststoff“, der Stuhlgang weich macht, wenn ausreichend Flüssigkeit zugeführt wird. Und nein: Kein Abhängigkeitspotential! Ihr Kind gewöhnt sich nicht daran und kann dann „nur noch mit Unterstützung“ abführen.

Wieviel? Soviel, dass es wirkt! Es gibt Kinder, die brauchen gefühlt eine Messerspitze pro Tag und haben schon Durchfall davon. Andere brauchen gefühlt ein halbes Kilo pro Tag und setzen trotzdem noch Hasenköddel ab. Geben Sie Ihrem Kind nach ärztlicher Anordnung ausreichend Macrogol, lieber zu viel als zu wenig. Und geben Sie es lang genug. Faustregel: Solange die Verstopfung besteht, solange gebe ich das Macrogol. Also, ist ein Kind seit sechs Monaten chronisch verstopft, wird das Macrogol wohl mindestens sechs Monate nötig sein. Bitte, bitte, bitte, im Sinne Ihres Kindes: Setzen Sie es nicht zu früh ab. Verstopfung hat ein enormes Rückfallpotential und Sie fangen buchstäblich von vorne an. Rektale Manipulationen mit Fieberthermometern etc. unterlassen Sie bitte komplett. Wenn die Verstopfung sich erstmal ausgebildet hat, könnten, bis das Macrogol ausreichende Durchschlagskraft zeigt, auch Glyzerinzäpfchen oder Klistiere nötig werden.

Bitte behandeln Sie die chronische Verstopfung nicht auf eigene Faust. Die Kinder können subjektiv richtig krank sein dabei, fast solche Schmerzen haben wie bei einer Blinddarmentzündung. Gehen Sie im Zweifel lieber einmal mehr zu Ihrem Kinderarzt als zu wenig. Geben Sie zudem bitte nicht von sich aus raue Mengen Milchzucker – aus meiner Erfahrung heraus hat sich das bisher nur in den allerseltensten Fällen als gewinnbringend erwiesen.

Kann die Verstopfung bei Baby und Kleinkind auch probiotisch behandelt werden?

Das Mikrobiom des Darms ist der aktuell neue Hype in der Forschung. Man arbeitet daran, inwieweit die Besiedlung durch die Darmflora Einfluss auf Krankheiten und den Körper im Allgemeinen hat. Auch im Zusammenhang mit der Obstipation kann eine Unterstützung der Darmflora einen positiven Effekt haben. Studienbasierte eindeutige Ergebnisse liegen dazu meiner Kenntnis nach derzeit nicht vor. In der Praxis empfehlen wir Bactoflor für Kinder oder OmniBiotic Panda als Unterstützung für den Darm und haben damit gute Erfahrungen bei unseren Patienten gemacht.

Und osteopathisch?

Auch da gibt es gute Konzepte zur Behandlung für die verbreitete Kinderkrankheit Verstopfung. Osteopathisch kann über die Lösung viszerosomatischer und somatoviszeraler Blockierungen ein positiver Einfluss auf die Problematik ausgeübt werden. Zudem lassen sich über spezifische Techniken Darmsteuerungssysteme im Rahmen des Autonomen Nervensystems (Sympathikus/Parasympathikus) behandeln. Auch Lymph- und Gefäßflüsse sind der osteopathischen Behandlung zugänglich. Meines Erachtens gehört jedes Kind, dass unter chronischer Verstopfung leidet, auch osteopathisch untersucht, behandelt und begleitet.

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