Wann kann er wieder in die Kita?

Es ist Winter – Hauptinfektzeit. Bei uns in der Region grassiert gerade ALLES, suchen Sie sich was aus: Ringelröteln, Scharlach, Influenza, Corona, RSV und eitrige Mandelentzündung. Kein Wunder, dass die Kleinsten der Kleinen gerade von einem Infekt in den nächsten rutschen – häufig übergangslos. Leider ist nicht die häufigste Frage, die mir nach der Untersuchung von Eltern gestellt wird „Herr Doktor, wann wird es ihm/ihr denn voraussichtlich wieder bessergehen?“. Nein, mit weitem Abstand: „Wann kann er wieder in die Kita?“

Elterlicher Druck: Wann kann er wieder in die Kita?

Und da kommen wir zum viel relevanteren Problem aus meiner Sicht: Der Druck bei den ELTERN ist hoch. Wo kommt der Druck her? Von der Arbeit?

Wann kann er wieder in die Kita Homeoffice

Eltern stehen Kind-Krank-Tage in Deutschland wie folgt zu: 15 Tage je Elternteil und Kind, für Alleinerziehende 30 Tage fürs Jahr 2024 und 2025. Wir haben Januar, diese Tage können noch nicht aufgebraucht sein. Darüber hinaus ist eine Betreuung im Post-Corona Homeoffice häufig flexibler machbar, die Arbeitseffizienz in dieser Zeit mal beiseitegelassen, aber die Hörspielsparte bei Amazon ist ja endlos. Und ganz ehrlich, ich bin selbst Arbeitgeber: Wer Menschen mit kleinen Kindern beschäftigt, WEIß doch, dass diese Arbeitnehmer im Winter immer mal wieder ausfallen.

Wenn es nicht die Arbeit ist, was dann? Eltern sind genervt, was ich durchaus nachvollziehen kann. Insbesondere die Kitakinder sind häufig schon seit September mehr oder weniger dauerkrank. Eltern leiden unter Schlafmangel, weil die Kinder nachts Husten oder von anderen Beschwerden geweckt werden. Und klar, mit Ü30 steckt man das nicht mehr so weg wie Anfang 20 in der Studentenpartyzeit. „Das kann doch nicht normal sein! Gib dem mal Vitamine! Lass mal Blut abnehmen!“ Und weitere gut gemeinte Kommentare von Omas, Tanten oder sonstigen Kontaktpersonen verstärken noch den Druck der Eltern.

Krankes Kind

(Leidens-)druck der Kinder

Die Kinder ertragen diesen Infektmarathon häufig besser als wir glauben. Klar haben sie auch schlechte Phasen, weinen, schlafen schlecht, essen gar nicht, trinken wenig. Und dennoch, aus meiner Erfahrung nölen sie weitaus weniger rum als ihre entsprechenden Eltern.

In diesem elterlichen Druck passieren Dinge (jede Woche in der Praxis), die man sich mit gesundem Menschenverstand nicht vorstellen kann. Nachts 40°C Fieber gehabt, morgens mit Ibuprofensaft in den Kindergarten gebracht. Am Vorabend dreimal erbrochen, nachts einmal Durchfall gehabt, in die Kita gebracht. Ganze Nacht gehustet, Cortisonnotfallzäpfchen gegeben und stündlich mit Salbutamol inhaliert à mit Vortexinhalierhilfe in die Kita gebracht. Ich hoffe, zumindest bei einigen von Ihnen erscheint ein geistiges „Geht’s noch?!“. Die armen Kinder UND Erzieher!

Schnief

Und wir Eltern, wenn krank?!

Schlimm genug, wenn wir Erwachsenen das selbst so durchziehen. Ich habe in zehn Jahren Praxis erst einen Tag krankheitsbedingt gefehlt – das empfehle ich niemandem. Selbst und ständig hat nicht nur Vorteile! Aber ok, bei Erwachsenen gibt es auch das andere Extrem. Nachdem ich mir in Österreich beim Überschlagen mit einem Mountaincart mit meinem Sohn auf dem Schoß den Unterarm am Mittwoch zerfetzt hatte, stand ich Montag wieder in der Praxis und hatte einen Vater vor mir sitzen: „Oh Doc, hastn Gips? Ich bin letzte Woche beim Aussteigen aus dem Auto gefallen und hab mir das Handgelenk geprellt (kein Gips, nicht mal ne Schiene), bin 3 Wochen krankgeschrieben!“ oder aus meinem Verwandtenkreis „Hab ne Mandelentzündung, bin 10 Tage krankgeschrieben!“ (ääääh, oookay?! Meine Patienten schicke ich bei Mandelentzündung 48Std nach Antibiosestart wieder in die Schule, denn in der Regel ist man dann wieder fit!). Gut, die ärztlichen Kollegen, die diese Krankmeldungen ausstellen, muss ich nicht verstehen.

Auskurieren

Plädoyer fürs Auskurieren

Aber zurück zu den Kids: Ist doch klar, dass, wenn der aktuelle Rotz noch in vollem Gange ist, auch zehn Minuten Kita reichen, um sich die nächste Seuche einzufangen. Ok, um der Wahrheit genüge zu tun, auch fit reicht das häufig. Und dennoch, ich bitte Sie im Sinne Ihrer Kinder: Lassen Sie die Zwerge zu Hause, bis sie wieder richtig fit sind! Mindestens 24Std fieberfrei, besser 48Std (wie bei Magen-Darm-Beschwerden) und in gutem Allgemeinzustand! Schulsachen können organisiert und je nach körperlichen Zustand zumindest teilweise nachgearbeitet werden. Ansonsten brauchen Kinder beim Gesundwerden hauptsächlich eins: Zuwendung von Mama und Papa! Ruhe und ausreichende Trinkmenge und ein bisschen Ibu und Paracetamol runden das Paket dann meistens ab.

1 Gedanke zu „Wann kann er wieder in die Kita?“

  1. Dankeschön für diese klaren und deutlichen Worte. Meiner Meinung nach sollte man diesen Post in der örtlichen Presse veröffentlichen. Leider gibt es immer noch viel zu wenige Eltern, die dies beherzigen. Und ich kann mich immer wieder nur kopfschüttelnd aufregen, wenn man die kranken Mäuse im lauten und stressigen Kita-Alltag völlig fertig in einer Ecke wieder findet.

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