Wann zum Osteopathen?

Wann sollte man mit einem Baby / Kind zum Osteopathen? Dieser Frage gehe ich in diesem Elterninformationsartikel auf den Grund.

Es gibt Osteopathen, die behaupten, jedes Kind müsse innerhalb der ersten vier Wochen nach Geburt osteopathisch angeguckt werden. Dieser Meinung bin ich nicht. Ein Kind, dass sich unauffällig entwickelt, gut trinkt, sich symmetrisch spontan bewegt, altersentsprechend nicht durchschläft, eine normale Verdauung hat, kann ganz normal zu den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen gehen und braucht keine „Routinekontrolle“ beim Osteopathen.

Ein symptomfreier Säugling braucht nicht zum Osteopathen!

Wir Osteopathen „finden immer was“, sage ich gerne in der Praxis. Zu jedem Zeitpunkt laufen wir durch die Welt mit kompensatorischen Dysfunktionen – nicht nur der kleine Patient vor mir, sondern auch das begleitende Elternteil und ich selbst sowieso. Unser Körper reguliert den ganzen Tag, so wie er den ganzen Tag Krankheitserreger abwehrt. Nun, nur weil er den ganzen Tag Viren und Bakterien bekämpft, schmeißen wir doch keine Pille ein, um ihn zu unterstützen, wenn wir völlig asymptomatisch sind. Das gleiche gilt für den Körper aus meiner osteopathischen Sichtweise.

Klar laufen wir alle immer mit einer Handvoll kleinerer Störungen durch die Gegend, die unser Körper hervorragend so kompensiert, dass wir dadurch keine Beschwerden haben. Daraus entsteht noch lange kein Behandlungsauftrag! Was würden mich meine Freunde und Bekannten befremdlich anschauen, wenn ich bei einer entspannten Grillrunde aufstehen würde und ständig von einem zum nächsten hüpfe und gucke, was ich für Dysfunktionen wohl finden und lösen könnte. Womöglich klaue ich einem der Anwesenden eine Kompensation, eine „gute“ Blockierung, und der arme Thor hat hinterher nach meiner Behandlung auf einmal Beschwerden, die er zuvor gar nicht hatte. Da würde ich doch ziemlich alt aussehen als hypertropher Übertherapeut. Also aus meiner Sicht: Pfoten weg, wenn keine Symptome vorhanden!

Und bei Beschwerden?

Anders sieht es aus, wenn Beschwerden vorhanden sind. Bei Babys in den ersten Monaten sind die osteopathischen Vorstellungsanlässe häufig ähnlich. Einige Anteile der folgenden Auflistung bündeln sich im Tonus-Asymmetrie-Syndrom, für das wir eigens einen Beitrag erstellten:

  • Einseitige Kopfhaltung des Säuglings nach rechts oder links
  • Abflachung des Hinterkopfes auf einer Seite
  • Starkes Überstrecken des Kopfes nach hinten und Krümmung des Körpers wie eine Banane
  • Schiefhals
  • Anhaltende Trinkschwäche in Verbindung mit den oben genannten Störungen
  • Stillprobleme ein- oder auch beidseits
  • Starke Blähungen, Aufstoßen, starkes Erbrechen nach dem Trinken (mehr als die Hälfte der Mahlzeit)
  • Große Unruhe des Säuglings mit Verkrampfung der Hände bzw. Arme
  • „Schreikind“ (Säugling schreit über Stunden)

Nach kinderärztlichem Ausschluss schwerwiegender organischer Grundproblematiken für diese Beschwerdebilder ist eine kinderosteopathische Beurteilung durchaus zu empfehlen.

Auch eine schwere Geburt mit anschließend symptomatischem Säugling sollte osteopathisch angesehen werden.

Und größere Kinder? Wann stelle ich die beim Osteopathen vor?

Auch hier gilt aus meiner Sicht klar: Fitte Kinder brauchen keine Regeluntersuchungen beim Osteopathen. Bei symptomatischen Kleinkindern und Kindern finden sich häufig funktionelle Störungen in Begleitung von Krankheitsbildern. Die folgenden Beispiele für häufige Krankheitsbilder, die osteopathisch behandelbare Ursachen oder Teilursachen haben, entstammt weitestgehend der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin.

  • Koordinationsstörungen in der Grobmotorik oder Feinmotorik
  • Gangstörungen, vor allem „Einwärtsgang“
  • Verkrümmungen der Wirbelsäule oder des Brustkorbes / Rückenschmerzen
  • Entwicklungsverzögerungen motorisch
  • Verzögerte Sprachentwicklung
  • ADS = Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom
  • chronische Kopfschmerzen, Migräne
  • ungeklärte Bauchschmerzen / Verstopfung (Obstipation)
  • Bettnässen
  • ungeklärte Schmerzen an den Beinen oder Armen

Ich persönlich würde insbesondere die fett markierten Punkte als sinnvolle kinderosteopathische Vorstellungsanlässe erachten. Auf diesem Blog besprechen wir verschiedene Krankheitsbilder noch im Detail.

Kleiner rechtlicher Disclaimer zum Schluss:

Aus rechtlichen Gründen wird darauf hingewiesen, dass in der Benennung der beispielhaft aufgeführten Anwendungsgebiete selbstverständlich kein Heilversprechen oder die Garantie einer Linderung oder Verbesserung aufgeführter Krankheitszustände liegen kann. Für den Bereich der Wirbelsäule, z.B. beim chronischen Schmerz-Syndrom der Wirbelsäule geht die Bundesärztekammer in der Regel von einer Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen aus (Deutsches Ärzteblatt 2009, Seite 2325ff.) Im Übrigen gibt es bislang keine Studien, die in wissenschaftlicher Hinsicht die Wirkungsweise der Osteopathischen Medizin bei den oben aufgeführten Krankheitsbildern nachweisen.

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